Bild: Julia Steinberg-Böthig
Ausflugstipp

Weißes Gold – schwarze Asche

In Lüneburg entführt Kohleträgerin Anna dich in die Vergangenheit. Geh mit ihr auf eine Reise durch die mittelalterliche Hansestadt des 16. Jahrhunderts.

Es ist kühl an diesem Novembermorgen in Lüneburg. Anna hat sich zum Schutz gegen die feuchte Kälte ein wollenes Cape übergezogen. Sie ist auf dem Weg zum Sand. Dort will sie einen Fuhrmann treffen, der ihr die Asche aus einem der vielen Kohleöfen der Saline abkauft. Doch bevor sie ihn trifft, hat Anna noch Zeit ihren Gästen „ihr“ Lüneburg zu zeigen.

Anna heißt eigentlich Geesche Rövekamp. Die 61-Jährige ist im hier und heute pädagogische Mitarbeiterin im Salzmuseum und dem Museum Lüneburg und nimmt nun Touristen und Gäste als Kohleträgerin Anna mit auf eine Zeitreise, in der „weißes Gold und schwarze Asche“ das mittelalterliche Lüneburg beherrschten. „Ein Wildschwein bescherte uns die Quelle zu großem Reichtum, denn durch die Sau entdeckten wir, dass unsere Stadt auf einem großen Salzstock steht. Mehr als 1.000 Jahre, bis in Eure Zeit um 1980, wurde in der Lüneburger Saline das „weiße Gold“ abgebaut“, erzählt Anna ihren Gästen auf dem Weg über die Abbruchkante in Richtung westliche Altstadt, dem Arbeiterviertel und dem Zuhause der „Sulteknechte“. Das waren die Familien, die die Öfen der Saline befeuerten und die Sole zu Salz kochten.

Wo der Senkungsteufel wütete

Doch der Jahrhunderte Jahre andauernde Salzabbau aus den unterirdischen Quellen der Stadt hatte auch Folgen, die bis heute zu sehen sind. Die Gruppe steht an der Rückseite des prächtigen Lüneburger Rathauses. „Von hier“, sagt Anna und zeigt in Richtung westliche Altstadt, „bis zur Saline, erstreckt sich der Salzstock. Hier wurde der Boden ausgehöhlt und infolge dessen verzogen sich Gebäudeteile, Häuser sackten ab oder stürzten gar ein. Damals glaubten wir, das sei der Senkungsteufel aus dem Untergrund, doch ihr wisst heute natürlich, dass der Salzabbau Schuld war.“

In der westlichen Altstadt lebten einst die Arbeiter der Saline. Bild: Lüneburg Marketing GmbH

Während Anna die Gruppe weiter durch das ehemalige Arbeiterviertel führt, erzählt sie aus ihrem beschwerlichem Leben. Sie sei Witwe. Ihr „guter Mann Conrad“ starb schon vor 14 Jahren. Nun verdiene sie sich ihren Unterhalt mit Kohle, die sie nach dem Säubern der Saline-Öfen behalten dürfe, und durch Holz sammeln zum Anheizen der Öfen. „Die Asche verkaufe ich an die Fuhrleute auf dem Weg zu den Glashütten ins Weserbergland“, verrät Anna.

300 Sulteknechte schufteten 364 Tage im Jahr

Kohleträgerin Anna erzählt aus ihrem Leben im mittelalterlichenn Lüneburg. Bild: Julia Steinberg-Böthig

Am Lambertiplatz gegenüber der ehemaligen Saline bleibt die Kohleträgerin stehen. Sie zeigt auf den leeren Platz: „Die Senkungsschäden trafen auch zwei unserer Kirchen: Die St. Marienkirche nahe dem Rathaus 1574 und die St. Lambertikirche hier drüben im Jahr 1861. Sie mussten abgebrochen werden. Aber auch noch heute senken sich Gebäude und Straßenzüge in der Stadt, denn der Senkungsteufel gibt keine Ruhe.“

An der Stelle der einstigen Sole-Förderstätte steht heute das Industriedenkmal Saline, mit dem Siedehaus von 1924. Seit ihrer Schließung 1980 beherbergt die Saline das Deutsche Salzmuseum. Doch vor rund 500 Jahren standen dort 54 Hütten mit Siedepfannen, in denen das Feuer nie erlosch. Hohe Mauern, Wachposten bewehrt, schützten den Zugang. Rund 300 Salinenarbeiter schufteten dort an 364 Tagen im Jahr. Nur einmal im Jahr hatten sie frei. „Der Donnerstag vor Fastnacht war unser größter Feiertag. Ein Fest nur für uns Sulteknechte“, sagt Anna lächelnd.

Was gefeiert wurde, warum das Salz im Mittelalter so wertvoll war und warum die Kohleträgerin Asche zu Geld machen konnte? Das könnt ihr selbst erfahren, wenn ihr mit Anna auf eine Reise in Lüneburgs mittelalterliche Vergangenheit geht, in der „weißes Gold und schwarze Asche“ das Leben der Menschen bestimmte.

Weitere Infos findet ihr hier:

So kommst du hin:

RB32
Lüneburg
Vom Bahnhof Lüneburg sind es nur etwa 10 Gehminuten in die Lüneburger Innenstadt und zum Marktplatz. Dort an der Tourist-Information am Rathaus starten die meisten Führungen.
Julia vom erixx

Julia vom erixx

Julia ist seit mehr als 20 Jahren freiberufliche Journalistin. Sie liebt Ausflüge, gutes Essen und ihre Familie. Mit ihnen unternimmt sie nahezu jedes Wochenende Kurztrips in die Region, über die sie dann gern auch schreibt.

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